Griechenland ist gerettet – Umschuldung von der linken in die rechte Tasche gelungen

Martin Schlaflos
Am Wachturm 80
40705 Unheilvoll
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Deutscher Michel
Schlafengasse 29
87332 Träumerich
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Martin Schlaflos
Am Wachturm 80
40705 Unheilvoll
20. Juli 2015
Griechenland ist gerettet – Umschuldung von der linken in die rechte Tasche gelungen

Lieber deutscher Michel,

endlich ist wieder Urlaubszeit. Du darfst für ein paar Wochen jeglichen politischen Kummer vergessen oder in Alkohol ertränken, ganz nach Belieben. Die angebliche Klimaerwärmung zeigt sich dazu von ihrer besten Seite und lässt die Sonne ausnahmsweise häufig scheinen, sodass einem entspannten Sommer fast nichts im Wege steht.

Warum nur fast? Eigentlich wäre Griechenland ja heute am 20. Juli pleite gegangen, aber dank des unermüdlichen Einsatzes unserer „Volksvertreter“ konnte das Unglück nochmals abgewendet werden. Die fällige Rückzahlung eines 3,5 Milliarden-Euro-Kredits an die EZB wurde pünktlich erledigt und auch die Rückstände gegenüber dem IWF wurden nachträglich angewiesen.

Falls Du dennoch an der Überwindung der Krise zweifelst, sei Dir gesagt, dass mit dem heutigen Tag sogar die Banken von Hellas nach ganzen drei Wochen wieder öffneten. Normalisierung stellt sich ein, alles bestens, jetzt kannst Du in Ruhe die Koffer packen und Deine Heimat vorübergehend ganz vertrauensvoll in die Hände von hunderttausenden Wirtschaftsflüchtlingen legen.

Doch halt, im Vergleich zu Dir und Deiner naiven Gleichgültigkeit sowie Deinem blinden Glauben an die Wahrheit der Medien und die Aufrichtigkeit unserer Politik treibt mich eine Frage um: Woher hat denn Athen plötzlich die gut sechs Milliarden Euro, um diverse Schulden zu tilgen?

Nunja, Dir mag das im Augenblick egal sein, auch wenn es bereits Stimmen gibt, die ganz offen eine Anhebung des Solidaritätszuschlags zur Rettung Griechenlands fordern. Das müsste Dir theoretisch zeigen, warum Du Dir Dein „was kümmert mich das?“-Gequatsche jetzt wirklich sparen kannst.

Stammt die Summe etwa von den gerade erst greifenden, teil massiven Steuererhöhungen dort unten im Süden Europas? Oder haben die Griechen irgendwo im Keller des Finanzministeriums einen Stapel vergessener Euroscheine gefunden? Läuft die hellenische Wirtschaft bzw. der Tourismus wieder auf Hochtouren und die Steuereinnahmen sprudeln nur noch so?

Nein, nichts dergleichen ist geschehen. Dem Land geht es so schlecht wie schon lange nicht mehr. Die akut drohende Zahlungsunfähigkeit konnte nur deswegen abgewendet werden, weil jemand dem griechischen Staatschef Tsipras 7,16 Milliarden Euro aus dem eigentlich gar nicht mehr aktiven europäischen Rettungsfonds EFSM geschenkt hat.

Übrigens, rund ein Viertel dieser Moneten stammt von Dir und mir, und sie sind von unseren staatlichen Abnickmarionetten alias „Volksvertretern“ in Richtung Athen geschmissen worden, nachdem das Geld zuvor den Händen fleißig arbeitender Deutschen wie etwa uns beiden gewaltsam entrissen wurde.

Egal, Hauptsache es ist wieder Ruhe im griechischen Karton, sagst Du? Hm, darf ich Dich etwas fragen? Worin besteht denn nun genau der Unterschied zwischen der Situation vor dieser 7,16 Milliarden Euro schweren Schenkung und jetzt?

Ich sag’s Dir: Es gibt keinen. Zuvor schuldeten die Griechen dieses Geld dem IWF und der EZB. Seit vergangenem Freitag schulden sie diese Summe aber dem EFSM, also den EU-Zahlerstaaten. Da die eigentlichen Gläubiger, nämlich wir Steuerzahler, jedoch keinen direkten Durchgriff auf den Schuldner in Athen haben, sondern unsere sogenannten Volksvertreter für uns – und trotzdem nicht wirklich „für uns“ – entscheiden, besteht nun nicht mehr die akute Pleitegefahr Griechenlands.

Das hat natürlich für uns Zahlende einen großen Nachteil, denn im Gegensatz zu den bisherigen Gläubigern IWF und EZB haben wir Bürger keine Druckmittel – abgesehen von den Pseudowahlen, die hier alle vier Jahre veranstaltet werden und de facto nichts ändern, da fast niemand diesen Zusammenhang durchschaut.

Auf gut Deutsch: Das Geld ist weg, das sehen wir nie wieder. Selbst wenn jemand dagegen vorgehen und klagen wollte, weil der ESFM klar gegen die „No-bailout“-Klausel verstößt, wäre das nicht zielführend. Die Gerichte entscheiden bekanntlich stets im Sinne der Eurokraten.

Na, bist Du immer noch der Ansicht, Dich gehe das nichts an und Griechenland sei gerettet? Diese Trickserei von der linken in die rechte Tasche ist eine Lachnummer – eine ziemlich teure allerdings für uns. Außerdem ist die Zeitbombe „Euro“ damit in keinster Weise entschärft.

Ich sag Dir was: Es ist durchaus möglich, dass Dich bereits bei Deiner Rückkehr aus dem Urlaub eine heftige Überraschung erwartet oder sie zumindest kurz darauf geschieht. Sie wird Deine sämtlichen Sparvermögen und Geldanlagen betreffen und selbstverständlich auch Deine ganzen Kredite und Schulden und Dein Leben auf den Kopf stellen.

Ob sich dabei Deine Ersparnisse und Deine Altersvorsorge in Luft auflösen, weil nun doch Griechenland zwischenzeitlich aus dem Euro ausstieg oder womöglich unser Finanzminister meinte, plötzlich wieder die Deutsche Mark einführen zu müssen, kann ich Dir noch nicht sagen. Eines sollte Du jedoch bedenken:

Es war vielleicht Dein letzter Urlaub für eine sehr lange Zeit, daher genieße ihn umso mehr. Ja, schade ist es natürlich schon um Dein Vermögen, aber ich glaube nicht, dass Du jetzt den Flug sausen lässt, bloß um zur Bank zu rennen, Dein ganzes Geld abzuheben und dafür Gold und Silber zu kaufen. Das wäre nämlich absolut nicht Michel-typisch, sondern richtig klug.

In diesem Sinne: Schöne letzte Ferien wünscht Dir

Dein Martin

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