Plastik? Nein danke – Fortschrittsverweigerung oder Gutmenschenwahn?

Technologie- und
Fortschrittsfreund
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Marian Klapp
Kunststoffweg 4711
38190 Bloßkeinplastik
Marian Klapp
Kunststoffweg 4711
38190 Bloßkeinplastik
Technologie- und
Fortschrittsfreund
10. August 2014
Plastik? Nein danke – Fortschrittsverweigerung oder Gutmenschenwahn?

Sehr geehrter Herr Klapp,

in einem Zeitungsartikel wurde über Ihr hochinteressantes, alternatives Leben berichtet. Sie sind Psychologiestudent, größtenteils Vegetarier und insbesondere ein erklärter Plastikfeind. Wo andere sich lediglich durch ausgeprägten Veganismus, militanten Antialkoholismus, paranoiden Gesundheitszwang oder durch überzogenen Umweltschutz wichtig zu machen versuchen, machen Sie einfach alles auf einmal.

Sie glauben, Plastik sei Teufelszeug und gefährlich für Mensch und Natur, daher verzichten Sie wo immer irgend möglich darauf und benutzen beispielsweise wiederverwendbare Behältnisse beim Einkaufen. Im Grunde ist das nicht verkehrt, wenn wir uns die Müllberge anschauen, welche wir tagtäglich schon beim bloßen Lebensmitteleinkauf produzieren.

Doch andererseits: Wieviele Nahrungsmittel müssten wir wohl zusätzlich wegschmeißen, wenn es keine Plastikverpackungen gäbe und unsere Lebensmittel daher schneller verderben? Und wieviel teurer wären Alternativverpackungen aus Glas, Metall oder Holz? Aus Umweltschutzsicht ist Kunststoff eindeutig der Gewinner, denn Glas und Metall kosten nicht nur mehr Geld als Erdöl, der Rohstoff für Kunststoff, sondern im Produktionsprozess sowie beim Transport wird auch noch wesentlich mehr Energie verbraucht.

Betrachten wir einmal ein willkürliches Produkt, z.B. Butterkekse. Im Supermarkt sind 400 Gramm für rund 1,40 Euro zu haben – in einer dünnen Plastikfolienverpackung selbstverständlich. Würden diese Kekse stattdessen in einer reinen Papiertüte oder einem Karton angeboten, wären sie bereits nach wenigen Tagen weich, da sie die Feuchtigkeit der Umgebung aufgenommen hätten. Verpackt in einer großen Konservendose läge der Preis dagegen vermutlich im Bereich von drei Euro.

Und was würde nach dem Verzehr der Kekse mit der Dose geschehen? Sie könnte wieder eingeschmolzen werden, nachdem sie eingesammelt wurde. Im Gegensatz zu der dünnen Plastikfolie der herkömmlichen Verpackung, welche beim Verbrennen Energie liefert, muss für den Rücktransport, die Reinigung und Aufbereitung der leeren Konservendose dagegen sogar noch zusätzlich Energie aufgewendet werden.

Bezüglich Umweltschutz ist Ihr Argument, auf Plastik zu verzichten, daher schon einmal klar für die Tonne – bzw. für den gelben Sack. Was die angebliche Gesundheitsgefährdung durch Kunststoffe betrifft, können Sie entweder diesen oder jenen Studien glauben, denn es gibt für beide Seiten, die behauptete Schädlichkeit sowie die Unschädlichkeit, beliebige Ergebnisse. Es bleibt ganz offensichtlich in erster Linie eine Glaubensfrage.

Da die Masse der Menschen jedoch trotz des allgegenwärtigen Plastiks offensichtlich nicht krank davon wird, löst sich auch diese Begründung in Luft auf. Aber Sie behaupten ja, dass Ihr kunststofffreies Leben im Kern eine Art Gegenentwurf zur Konsumgesellschaft sein soll. Da zählt die Ideologie sicherlich mehr als die Realität.

Als angehender Psychologe haben Sie natürlich auch keinerlei wirtschaftliches Hintergrundwissen, um eine Kosten-Nutzen-Rechnung anzustellen, denn der ideologische Dagegensein-Wert lässt sich freilich nicht konkret beziffern. Ein bio-öko-antiplastik-Leben ist schließlich von Natur aus schon grundsätzlich besser als das des plastiknutzenden Durchschnittsbürgers und muss sich daher weder den realen Gegebenheiten des Marktes stellen noch anhand von Zahlen messen lassen.

Ihre Inkonsequenz zeigt sich dennoch deutlich. Zwar lehnen Sie Flugreisen ab, ein Auto fahren Sie aber trotzdem. Haben Sie schon einmal nachgezählt, wieviele Kunststoffteile an Ihrem Gefährt verbaut wurden? Vermutlich haben Sie dafür jedoch einfach keine Zeit, wenn Sie Ihre Trommeln von einer zur nächsten Demo transportieren.

Ich nehme an, Sie verwenden in Ihrem Haushalt auch gewöhnliches Leitungswasser und haben sich keine alternative Regenwasserversorgung gebaut? Dann sollten Sie wissen, dass dieses Wasser aus dem Hahn definitiv durch Kunststoffrohre floss, mindestens beim Wasserwerk. In diesem Fall wird es wohl nur recht wenig nützen, dass Sie Ihr Duschgel in Gläsern aufbewahren – übrigens, lassen Sie das Glas beim Duschen bloß niemals versehentlich fallen.

Solange Sie einen Computer benutzen, bei welchem nicht nur schon allein die Tastatur aus Kunststoff besteht, sondern auch die Kabel, sind Sie ebenfalls nicht glaubwürdig. Von sämtlichen Stromleitungen in Ihrer Wohnung und all den elektrischen Geräten will ich erst gar nicht reden.

Aber jeder möge mit seinem persönlichen Lebenswandel selbst glücklich werden und wenn das bei Ihnen der Fall ist, dann freut mich das für Sie. Da Sie nach eigener Aussage jedoch zu denjenigen selbsternannten Gutmenschen gehören, welche anderen ihren vermeintlich besseren Lebensstil ungefragt aufschwatzen wollen, kann ich Ihnen für Ihre heuchlerische Inkonsequenz nur mein herzliches Beileid aussprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Ein Technologie- und Fortschrittsfreund

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